Namenlos

So steh ich also da und starre sie an, diese Meter hohen Mauern aus unregelmäßigen Steinen.

Ein kalter Schauder durchfährt meine Blutbahn und das hat nur sehr wenig mit dem für Oberösterreich im Herbst typischen, kalt-feuchten Nebel zu tun, der auf uns zuzukriechen scheint.

Nein, es geht viel tiefer. Blut, Schweiß und Tränen hat plötzlich eine viel zu reale Bedeutung. Mein Blick taumelt die Steinmauern entlang, benommen vom einzigen Gedanken, der seit der Erkenntnis widerhallt: sie bauten ihr eigenes Gefängnis. Abgemagert, physisch und psychisch geschunden, gedemütigt, verstoßen, vergessen, verhasst.

Sie bauten ihr eigenes Gefängnis. Und draußen, vor der Mauer, hinter dem als Löschteich getarnten Schwimmbecken, da saßen die Anderen und jubelten den Fußballmannschaften zu, den Blick blinden Auges auf das Fußballfeld gerichtet, keinen Gedanken an die dahinterliegende Krankenstation ohne medizinische Versorgung verschwendend.

Sie bauten ihr eigenes Gefängnis und ich frage mich, warum ich überrascht bin. Warum mir das Sickern dieser Information einen salzigen Stich hinter den Augen beschert, der sich den Weg nach draußen bahnt.

Blinzelnd drehe ich den Kopf zur Seite. Dieser Stopp ist gerade einmal der erste auf unserem Rundgang. Es ist bitterkalt. Noch sind die Jugendlichen um mich herum gefasst.

Wir bahnen uns den Weg durch Nebel und Kälte über Trampelpfade und Wiesen, an Denkmälern vorbei zum Steinbruch. Der liegt da, unergründlich und schweigend, dick und dicht von wabernden Nebelschwaden bedeckt behält er den Anblick der Todesstiege für sich. Zorn kommt in mir hoch. Billige Arbeitskräfte durch Sklaverei und Schreckensherrschaft, ein Lied, so alt wie die Menschheit selbst, atonal und schrill.

Doch dann stehen wir Angesicht zu Angesicht mit dem Appellplatz, der Nebel gibt die Hälfte der Baracken frei, einen Teil des Denkmals im Zentrum. Wir sind allein. Eine Geisterstadt. Wir sehen Bilder von eben diesem Platz, zum Bersten voll mit lebendigen Skeletten, die lächeln – ihre Pein hat ein Ende ohne Gasdusche gefunden. Kein „Fallschirmsprung“ für sie, keine Spritze, kein Lazarett, kein Genickschuss, kein weißes, unbeschriebenes Kreuz.

Einen Stock tiefer ist der Duschraum riesig. Die Duschköpfe und Rohre rosten vor sich hin, Besuchende haben Blumen, Gedanken, Hoffnung hinterlassen. Und ein Swastika.

Hier verloren sie ihre Kleidung, ihre Haare, ihre Namen. Alles auf einmal. Weggewaschen, kein Mensch mehr, eine Nummer und ein Körper, der arbeiten kann. Oder eben nicht. Dann weg damit. Ausgelöscht.

Es sind nicht die Öfen, deren Anblick mir die Kehle zuschnürt. Es sind nicht die Bilder der Verstorbenen, die Namen der bekannten Opfer in zahllosen Reihen dicht an dicht in ein Denkmal gekerbt. Es ist die Enge der Letzten Dusche. Die Tatsache, dass man ihnen in einem letzten Akt der Grausamkeit Kleidung abnahm und Handtücher reichte, Seife. Sie wie Vieh in den kleine Raum trieb und die Tür verschloss, damit die gemarterten Soldaten ihren „Schützlingen“ wenigstens nicht beim Sterben zusehen mussten. Gas spart Munition. Und unterbindet Aufstände unter Soldaten, wenn dann auch Frauen und Kinder beseitigt werden. Die Maschine muss laufen.

Wir auch. Und zwar vom Krematorium in den Raum, der eigens zum Töten eingerichtet wurde. Mit Genickschussecke, improvisiertem Galgen und Verbindungstür zur Gaskammer. Die Gesichter in der Runde werden blasser und blasser. Man war hier praktisch veranlagt. Die Maschine muss laufen.

Und sie lief auch wie am Schnürchen. Immer wieder schiebe ich meine eigene Betroffenheit zur Seite, denn um mich herum steht den bleichen Gesichtern die Bestürzung ins Gesicht geschrieben. Immer wieder kullern Tränen, tritt man kurz einen Schritt beiseite, um sich zu fassen – im übertragenen Sinne, aber auch im wort-wörtlichen: Umarmungen helfen. Betretenes Schweigen wechselt sich mit forschenden Fragen ab – sie wollen wissen, verstehen, begreifen und scheitern doch immer wieder an der Unfassbarkeit dieses Ortes, der all die Schreckensbilder aus dem Unterricht lebendig macht – und gleichzeitig unglaublich.

Der Rundgang endet, wo er begann: vor den unregelmäßigen Steinen der Außenmauern. Mein Schritt verlangsamt sich. Dieser Moment wird mich begleiten.

Denn sie bauten ihr eigenes Gefängnis.

Namenlos.

Mag. Sandra Liebherr