Lesung Dimitré Dinev
am 10.10.2011

"Das Radio hatte im realen Sozialismus einen besonderen Stellenwert. Es war das einzige Gerät, mit dem man unmittelbar Kontakt mit dem Westen aufnehmen konnte. Um also das Gefühl haben zu können, ein Dissident zu sein, brauchte man nicht mehr als ein gutes Radio, eingestellt auf die Frequenz der Sender Freies Europa oder The voice of America.  Sammelten sich drei Menschen um ein Radio, um eine Flasche Schnaps zu teilen, konnte man schon von einer Widerstandsbewegung reden. Das Radio war eine wundersame Sache, denn anders als Schnaps gab es jedem das Gefühl, ein Held zu sein. Und alle liebten es."

Mit dieser Textpassage aus "Laß uns Radio hören" begann der aus Bulgarien stammende Autor Dimitré Dinev seine Lesung am 10. Oktober 2011 bei uns an den Schulen des bfi Wien.
Den Auftrag zu diesem Text hatte er anlässlich des 80-jährigen Jubiläums des österreichischen Rundfunks erhalten, wie er erzählte. Obwohl die Kurzgeschichte nur etwas über 3 Seiten lang ist, zeichnet sie sowohl einen Aspekt des Lebens in einem ehemaligen Land des realen Sozialismus als auch  eine abenteuerliche Flucht in den Westen. Der rote Faden dabei ist die Beschreibung, wie das Radio das Liebesleben eines Menschen beeinflusst.

Der zweite Text, den Herr Dinev las, trägt den Titel "Ein Licht über dem Kopf". Er stammt aus dem gleichnamigen Erzählband und ist die Geschichte von Plamen Svetlev, der ebenfalls im ehemaligen Ostblock lebte und schließlich auf abenteuerliche Weise nach Wien kam. Auch dieser Text ist voll Humor und Ironie.

Dimitré Dinev war im Jahre 1989 aus Bulgarien nach Österreich geflohen, wie er im Anschluss an seine Lesung erzählte. Nach zwei Jahren in der bulgarischen Armee konnte ihn nichts mehr so leicht erschüttern, nicht einmal das Flüchtlingslager Traiskirchen, in dem er zuerst strandete. In Wien tauchte er unter, erlebte die ganze Härte eines Flüchtlingsschicksals, lernte hier aber auch seine "große Liebe" kennen.

Die ca.160 Schülerinnen und Schüler hatten wieder einmal die Gelegenheit, einen "echten" Schriftsteller und Künstler live zu erleben und waren beeindruckt von seiner Person und der Ehrlichkeit seiner Texte, wie zahlreiche Äußerungen im nachfolgenden Unterricht und in der Schulbibliothek zeigten.

Diese Lesung sollte auch Mut machen. Mut dazu, sich zu äußern, Texte zu verfassen in einer Sprache, die nicht die Muttersprache ist. Das war auch das Stichwort für den Abschluss der Veranstaltung: Herr Direktor Burda und Frau Professor Marold überreichten Italienisch-Sprachzertifikate an Schülerinnen und Schüler.

Danach signierte Herr Dinev noch einige Bücher, die in unserer Schulbibliothek entliehen werden können.

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